Über die Dramaturgie der Handwerker
Mittwoch, 02.05.2007 , 18.22Das muss Bestandteil der Ausbildungsprüfungsverordnung sein !!
Folgende Beobachtung hat sich in den letzten Jahren signifikant wiederholt und erhärtet einen in mir schlummernden Verdacht.
Ein handwerkliches Problem, egal ob Fernseher, Auto oder Waschmaschine, muss mit einem Spezialisten gelöst werden. Nach kurzer telefonischer Darstellung des Problems meinerseits und kurzen möglichen Erklärungen zur Problemlösung seinerseits kommt es zu einem Termin, da alle Handwerker immer nur vor Ort sehen können, was zu tun ist. Mein vollstes Verständnis an dieser Stelle, denn der Arzt erstellt auch keine Diagnosen, ohne den Patienten zu sehen.
Was dann aber kommt, scheint stereotypisches Handwerkerverhalten zu sein, eine Art Geheimkodex, an den sie sich alle halten müssen.
Es kommt es zur eigentlichen Bewertung des Problems vor Ort und ich habe dabei folgendes festgestellt:
Handwerker, egal welcher Fachrichtung, nehmen die technische Herausforderung mit einem unheilsschwangeren Kopfschütteln, begleitet von einem noch unheilsschwangeren Gemurmel, in Augenschein. Die abschließende gedankliche Diagnose endet mit einem “Au ha”, wahlweise auch “Oh ha” oder gerne auch “Uiuiui”. Wirkliche Profis stoßen ein “Ojemine” aus.
Anscheinend wurde im letzten Augenblick der Inaugenscheinnahme das eigentliche Problem festgestellt, welches damit die Reparatur zu einer der kompliziertesten werden lässt, die man so nicht hätte vermuten können.
Die weitere Vorgehensweise ist der Hinweis, dass “das nicht billig wird”.Langjährige Mitarbeiter, quasi die Routiniers unter ihnen, schieben gerne noch ein “gut, dass sie sich gemeldet haben, noch können wir da was dran machen, nächste Woche wäre es zu spät gewesen” hinterher.
Die Königsdisziplin besteht darin, die ominösen Aussagen mit entsprechenden Gestiken oder Mimiken zu unterstützen. Gerne genommen wird die Hand, die grübelnd das Kinn umstreicht oder die in Falten gelegte Stirn stützt. Dabei wirken sie so überzeugend, dass man das Gefühl bekommt, nur noch dieser letzte verbliebene Spezialist seines Faches ist in der Lage, mir bei meinem handwerklichen Problem zu helfen. Und als solcher darf er natürlich auch ordentlich finanziell zu greifen, denn die ansonsten ausstehende Alternative “sonst müssen´se das neu kaufen” ist im Familienbudget nicht vorgesehen.
Findet bei Einstellungsgesprächen ein Casting statt, in dem die Kandidaten ein simples Problem als möglichst kniffelig und teuer darstellen müssen? Der Gewinner darf unabhängig von Schulabschluss und handwerklichem Geschick die Ausbildung zum nächsten 1. des Folgemonats beginnen.
Oder ist diese Vorgehensweise aufgrund von Talent vorhanden oder wird es im Rahmen einer Fortbildungsmaßnahme perfektioniert? Da das alle Handwerker machen und auch können, ist mein Verdacht, dass das Bestandteil der Abschlussprüfung sein muss.
Kfz-Mechaniker, Maurer oder Fliesenleger, Waschmaschinenmonteure, Dachdecker oder auch Fernsehtechniker, sie alle beherrschen die Technik der subtilen Problembeschreibung.
Ich habe einem Freund, einem gelernten Maurer, meine Beobachtung geschildert und ihn gefragt, ob er in der Abschlussprüfung auch in der Disziplin “Dubiose Problemdiagnose mit passendem Ausruf und unterstützender Mimik und Gestik” geprüft wurde. Seine Antwort war verblüffend, aber auch irgendwie sinnvoll:
Das müsse man schon in der Zwischenprüfung beherrschen, denn auch Lehrlinge kämen gelegentlich mit Kunden in Kontakt, und die sollten sich ja dann nicht verplappern.
derFriese
Montag, 03.11.2008 um 5:42 pm
Ich habe echt lange nicht mehr so gelacht. Vor allem die seufzenden Laute wie “uiuiui” kommen mir wirklich bekannt vor. Ich weiß nicht, wo ich solche Anekdoten auch mal gelesen habe, ich glaube entweder bei stern.de oder bei online-handwerker.de . Eines von beiden war es und ich würde mich freuen, wenn ich deinen Blog an einige Kollegen hier in der Firma weiterleiten darf-da werden sicher einige Tränen lachen, so wie ich.