Archiv von März, 2009

Dafür zahl’ ich nicht!

Donnerstag, 05.03.2009 , 06.19

So lautet der Spruch der gleichnamigen Kampagne von Holger Kreymeier (fernsehkritik.tv). Der Spot ist eine Parodie der aktuellen Kampagne der Gebühreneinzugszentrale (GEZ), hat eine eigene Webseite und wird derzeit in einigen Kinos in Deutschland gezeigt. Nun sorgte der Spot für Ärger bei seinem Arbeitgeber, dem NDR. Dem hat der Spot gar nicht gefallen und entzog dem Journalisten und Macher des kritischen Fernsehmagazins, alle kommenden März-Aufträge. Der Grund: “sein Werbespot, mit dem er zum GEZ-Boykott aufriefe”, so der Spiegel. Doch Kreymeier widerspricht dem Vorwurf:

“Das ist keine Kampagne gegen GEZ-Gebühren.” Ganz im Gegenteil, die Kampagne werbe für inhaltlich ansprechendes Fernsehen, “und zwar so, wie es durch den Rundfunkstaatsvertrag formuliert ist.

Kraymeier arbeitet als freier Mitarbeiter beim NDR. Dort sitzt er in der Multimedia-Abteilung und schreibt z.B Videotextuntertitel für Gehörlose. Doch nun rudert der NDR zurück und lässt durch Martin Gartzke gegenüber dem Spiegel folgenes verkünden:

“Herrn Kreymeier wurde lediglich mitgeteilt, dass - vor dem Hintergrund seiner Initiative ‘Dafür zahl’ ich nicht’ - eine Fortsetzung der Zusammenarbeit überprüft werden müsse.” Ein klärendes Gespräch habe er aber abgelehnt.

Im Forum des Spiegel gab Kreymeier jedoch folgende Stellungnahme dazu ab:

„Mit sehr viel Schmunzeln, aber auch Wut im Bauch, habe ich die Äußerungen des NDR-Sprechers Martin Gartzke zur Kenntnis genommen. Ich bin entsetzt, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender derart dreist lügt.
Ich bin allein für den Monat März insgesamt 18 Arbeitstage vorgesehen gewesen – dies ist wohl ein bisschen mehr als ein „geringer Umfang“. Dass ein festes Arbeitsverhältnis bestand, habe ich nie behauptet. Dies ging schon aus meiner Pressemitteilung hervor.
Besonders erstaunt bin ich aber über die Behauptung, der NDR habe mich zu einem klärenden Gespräch gebeten. In Wahrheit war es so, dass mir, nachdem das Arbeitsverhältnis telefonisch beendet und die vereinbarten Arbeitstage für nichtig erklärt wurden, mein Bereichsleiter Herr Brackmann ein Gespräch anbot, um sich persönlich zu verabschieden. Darauf habe ich dankend verzichtet.

und weiter:

Entsetzt nehme ich zudem die durch die Blume diffamierenden Äußerungen über die Arbeit der Untertitel-Redakteure beim NDR zur Kenntnis. Herr Gartzke scheint nicht zu wissen, welch harte, anspruchsvolle und auch ehrenwerte Arbeit es ist, Untertitel für gehörlose Menschen zu texten. Nur um mich kleinzureden, wird gleich eine ganze Redaktion diskriminiert. Das ist schlimm.“

Es ist einfach, sich Kritiker vom Hals zu schaffen. Wesentlich schwerer liegt jedoch die Aufgabe, “anständige Qualität” im TV zu liefern. Das hat auch nichts mit dem NDR zu tun. Aber es gilt zu verhinden, daß die Grütze auf den privaten Kanälen zunehmend auch auf die “öffentlich rechtlichen” überschwappt. Ich sehe in der Kampagne “Dafür ‘zahl ich nicht” einen wichtigen Denkanstoß in Richtung “Qualitäts-TV” und keinen Aufruf zum GEZ-Boykott, denn:

doofes Fernsehen kriege ich woanders kostenlos.

Die Apokalyptischen Reiter…

Donnerstag, 05.03.2009 , 03.39

…oder auch: “Warum die Gewinnspielregeln nur eine Farce sind”.

Man könnte es auch so formulieren:

Die Gewinnspielsatzungen beinhalten genau die Regeln, die zum störungsfreien Betrieb der Volksabzocke im Sinne der Expansion des Medienstandortes Bayern, notwendig sind.

Wisst Ihr auch, wer sich für den Ausbau des Medienstandort Bayern so richtig dolle Mühe gegeben und es überhaupt ermöglicht hat, daß sich im Raum München zig Medien-Firmen rund um die Burg ansiedeln konnten:

Huber, Beckstein, Stoiber und Herr Ring von der BLM. Sie sind die Hauptmarionetten in dem ganzen Spiel. Diese Zeitgenossen haben Bayern zum High-Tech-Land der Hütchenspieler gemacht. Egal, wie. Weg mit dem Mist an den Gummistiefeln und rein in das glänzende Medienzeitalter. Beckstein: So schnell kann er seine Meinung ändern, wenn es um Expansion, Macht und Geld geht:

Beim Start des Spielfilmkanals “Das Vierte” am Abend des 29.09.2005 betonte Bayerns Medienminister Erwin Huber: „Das ist ein hervorragendes Signal für den Medienstandort Bayern und eine klare Bestätigung der vorausschauenden bayerischen Medienpolitik. Neugründungen wie „Das Vierte’ zeigen: Die Medienbranche geht wieder mit Optimismus in die Zukunft und der Medienstandort Bayern bietet hierfür die besten Bedingungen.”

Und was lief dann dort so? CallIn-Shows, Teleshopping und uralt-Serien, bis der Zuschauer die Nase endgültig voll hatte und der Sender die Gewinnspiele einschränkte. Da nützt auch all das Gold (Schall und Rauch) auf der Webseite nicht mehr viel.

Hier noch ein paar andere Beispiele für den unermütlichen Einsatz der politischen Helfer:

Bayern führender Standort für Wachstumsbranche Medien…, Bericht des Präsidenten…, Erfolg für Medienstandort Bayern…, Erwin Huber beim Medien-Frühstück

Und das wohl eindeutigeste Dokument, welches die Zusammenhänge sehr schön widerspiegelt:

Staatsminister Huber unterstrich in seiner Laudatio die herausragende Rolle Rings für den Medienstandort Bayern: “Seit mehr als 25 Jahren haben Sie mit einzigartigem medienpolitischem Engagement die Entwicklung Bayerns zum Medienland Nummer 1 vorangetrieben. Ihr Einsatz war mit ausschlaggebend dafür, dass es gelungen ist, Bayern als idealen Standort für die gesamte Bandbreite medienwirtschaftlicher Aktivitäten zu positionieren”. Dabei habe Rings Innovationsbereitschaft allerdings nie dazu geführt, die gesellschaftliche Verantwortung der Medien aus den Augen zu verlieren: “Als Vorsitzender der Gemeinsamen Stelle Jugendschutz und Programm der Landesmedienanstalten fordern Sie die gesellschaftspolitische Verantwortung der Programmveranstalter ein und führen offensiv die Diskussion über die gemeinsamen Werte und Grundüberzeugungen, die eine Gesellschaft zusammenhalten”. Der Staatsminister beendete seine Laudatio mit der Feststellung, dass sich Präsident Ring bleibende Verdienste erworben habe, “die ihre Spur im Buch der bayerischen Mediengeschichte hinterlassen werden…

Hier der ganze Artikel vom 29.03.2001 =). Ach ja, nicht zu vergessen die feierliche Einweihung/Segnung des des 39 Millionen DM teuren BLM-Bunkers (mit Huber, Ring, Nüssel usw):

…Nach der Begrüßung der Gäste durch BLM-Präsident Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring folgte die kirchliche Segnung des Gebäudes durch Domkapitular Dr. Sebastian Anneser und Oberkirchenrat Hans Schwager, den Vertretern der Katholischen und Evangelischen Kirche im Medienrat der BLM…

Segnen und Beten ist bei Kreuzzügen ganz wichtig. Das Volk hat die neue Kirche mit 2% der GEZ-Gebühren bezahlt und nun braucht der Bischof einen neuen “Goldenen Sessel”. Tapfere schwere Ritter und Minnegesang braucht man natürlich auch:

“Ansiedlung von XXP in Bayern bedeutet erneute Stärkung des Medienstandorts”. “Saban wird mit offenen Armen empfangen”…so tönte der Spiegel am 17.03.2003. Oder Erwin Huber in der “Süddeutschen” am 10.01.2006:

…Eine Übernahme von ProSiebenSat.1 durch Springer sei sinnvoll und ohne vernünftige Alternative…

Damals forderte auch der nordrhein-westfälische Medien-Staatssekretär Thomas Kemper die Direktoren der Landesmedienanstalten auf, den KEK-Beschluss zu überstimmen. Die Direktorenkonferenz könne jetzt:

„den Weg für eine wirtschaftlich und publizistisch vertretbare Lösung ebnen“.

Ganz interessant im Kontext ist auch dieser, schon ältere Artikel:

…Dagegen spricht schon die Tatsache, dass die früher beim Wirtschaftsminister angesiedelte Zuständigkeit für Medien nach Stoibers Anordnung auf Erwin Huber, Chef der bayerischen Staatskanzlei und engster Vertrauter des Ministerpräsidenten, übertragen wurde…

Mit den neuen Gewinnspielregeln hat man wieder einmal das telefonierende Volk verschaukelt und den Kritikern einen kleinen Knochen vor die Füße geworfen, an dem sie lutschen dürfen.

Zum Beispiel heute bei “Big Brother”. Da wird schon fleißig Geld mit dem Taschengeld der Minderjährigen dank der LMA gemacht, denen Jugendschutz ganz wichtig ist. Am Bildschirm tummelt sich der Satz: “Gewinnausschüttung ab 14 jahren”. Der Sprecher sagt das auch so. Und er erklärt, “daß in der Liveshow ja irgendein Anrufer rausgepickt wird” und “der gewinnt dann automatisch 500 euro” und kann dann noch “um den jackpot von mehreren zehntausend Euro spielen”. Dank der “innovativen Medienhüter” darf nun auch die eigentliche Zielgruppe (ab 14Jahren) dieses geistigen Tiefflug-Geschwader-Programmes dort anrufen und ihr Geld verballern. Es handelt sich hierbei um die in den neuen Gewinnspielregeln propagandierten Einzel-Gewinnspiele.

Ein wirklich cleverer Hütchenspielertrick der Aufpasser + Veranstalter. Die neuen Regeln sind alles andere, als streng. Sie sind und bleiben das, was sie schon immer waren. Eine Freifahrkarte für die Veranstalter.